Eine Sternenmama erzählt

Sternenmama Angelika erzählt uns ihre bewegende Geschichte.
24 November 2024
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Angelika ist Mama von 5 Kindern. 2 davon sind erwachsen, 3 zu früh verstorben (Celice, 8. SSW, Kijano, 9. SSW, Luis Robert, 22. SSW). Angelika ist 3-fache Sternenmama und erzählt uns die Geschichte von Luis Robert, der heute vor 2 Jahren am 24.11.2022 in der 22 SSW viel zu früh verstorben ist.

 

Meine Schwangerschaft verlief traumhaft. Mir war weder übel, noch hatte ich Schmerzen oder sonstige Einschränkungen. Mein Partner Stefan und ich freuten uns sehr auf unser gemeinsames Kind. Einzig die Angst den Kleinen zu verlieren, begleitete uns ständig, denn der Verlust von unserem Kijano lag nur wenige Monate zurück. Doch eines Tages waren da diese Bauchschmerzen…

Ich kann nicht sagen, ob es Wehen oder undefinierbare Bauchschmerzen waren, ich konnte es nicht einordnen. Das ging so den ganzen Tag dahin. Erst in der Nacht bekam ich dann plötzlich Blutungen. Daraufhin fuhren wir sofort ins Krankenhaus. Ich erinnere mich noch, wie ich während der Fahrt auf meine Uhr sah und erst realisierte, dass die Abstände doch irgendwie regelmäßig waren. Hatte ich tatsächlich Wehen? Ich sagte noch zu Stefan, dass wir wohl früher Eltern werden, als gedacht. Ich meinte es im Scherz. Nie hätte ich zu diesem Zeitpunkt gedacht, dass… aus einem Traum so plötzlich ein Alptraum werden konnte und uns schon wieder trifft.

Wie durch eine Blase hörte ich die gedämpften Worte: „Es wird nicht überleben“. Angelika M

Was folgte waren endlos scheinende Untersuchungen und Messungen. Einige Zeit später kam ein weiterer Schwall Blut. Eine anwesende Hebamme machte mir klar, dass ich dieses Kind heute auf die Welt bringen werde. Ein Arzt war, soweit ich mich erinnere, zu diesem Zeitpunkt nicht direkt anwesend. Da war diese Hebamme und noch eine Krankenschwester und sie telefonierten mit dem Arzt. „Es ist zu klein“ drang es durch mein Bewusstsein. Wie durch eine Blase hörte ich die gedämpften Worte: „Es wird nicht überleben“.

Für uns brach eine Welt zusammen. Mein Partner versuchte mir Halt zu geben, doch ihm selbst wurde gerade der Boden unter den Füßen weggerissen. „Da muss man doch etwas tun können, bitte!“ Doch sie konnten nichts für uns tun.

Ich fühlte mich wie in einer Blase. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob da nun 2, 3 oder mehr Personen waren, ob sie männlich oder weiblich waren, alles ging irgendwie an mir vorbei. Ich erinnere mich, dass Stefan rechts ganz nah bei mir gestanden ist, doch ich konnte mich ihm nicht zuwenden. Ich weiß nicht woran es lag, mein Körper lies es in dem Moment einfach nicht zu.

Nur wenige Minuten nachdem uns klar gesagt wurde, dass wir unser Kind heute bekommen werden, wechselten wir vom Untersuchungszimmer ins Wehenzimmer. Zu dem Zeitpunkt, kam bereits Yasmin Jäger, unsere Hebamme, zu uns. Sie sagte, dass es nun an mir läge. „Sobald du bereit bist, kann es losgehen“. Ich verstand nicht, wie sie das meinte. Sie erklärte mir, dass meine innere Haltung über den Start der Geburt entscheiden würde. Kann man für so etwas jemals bereit sein?

Irgendwann ging die Geburt los. Ich brachte bereits 2 Kinder gesund zur Welt und weiß, wie schmerzhaft eine Geburt, selbst mit Komplikationen, sein kann. Die Schmerzen sind denen einer „normalen Geburt“ in nichts nachgestanden. Das hätte ich nicht gedacht, unser Baby war doch noch so klein. Während der Geburtswehen, gab es einen Moment, an dem mir der Gedanke in den Sinn kam: „Wenn es sich doch wenigsten lohnen würde“. So traurig dieser Gedanke auch war, er war da. Es war ohnehin alles so traurig und unfassbar.. Warum passiert so etwas überhaupt?

Irgendwann begann ich wohl zu resignieren. Yasmin sagte mir, dass ich jetzt nicht aufgeben darf, dass es jetzt um mich gehe. Wenn ich nicht auf mich achten würde, könne es gefährlich werden. Sie gab mir Mut und begleitete mich durch die schwere Geburt. Vor allem emotional war diese Geburt mit nichts zu vergleichen. Stefan war die ganze Zeit über dicht an meiner Seite. Ich weiß nicht mehr wie lange die Geburt dauerte, doch irgendwann war er da, unser Luis Robert mit nur 490g da.

Ursprünglich war geplant, dass Stefan die Nabelschnur durchschneiden sollte, doch es ging alles so schnell. Die Nabelschnur war sehr kurz, vielleicht lag es daran. Schon lag mein Baby auf meiner Brust. Luis lebte. Er atmete und er reagierte auf uns. Vielleicht bildeten wir es uns auch nur ein, doch nein, wir waren uns sicher! Gleich zwei Mal als Stefan seinen Namen sagte – so wie zuvor, als er noch in meinem Bauch war – atmete Luis ganz tief und bewegte seine Finger.

Und da war noch etwas. In dem Moment, als ich ihn auf meine Brust gelegt bekam, war der Gedanke von zuvor wie weggeblasen. Es hat sich gelohnt! Er lebte und er war vollkommen. Es war alles da, die zarten Finger und so feine Härchen. Er war perfekt. So schmerzhaft dieser Moment auch war, er war rückblickend betrachtet, einer der wertvollsten Momente in meinem Leben.

Nach ungefähr einer halben Stunde, hörte Luis auf meiner Brust auf zu atmen.

Das gesamte Personal war unglaublich respektvoll und gab uns alle Zeit der Welt. Auch Yasmin gab uns den nötigen Freiraum und verließ das Zimmer, damit wir in Ruhe Abschied nehmen konnten. Nach der Geburt gab es nochmals einen Schichtwechsel und Yasmin verabschiedete sich von uns. Eine andere Hebamme stellte sich uns vor, leider weiß ich nicht mehr wie sie hieß. Sie sagte wir sollten klingeln, wenn wir soweit sind. Kann man jemals so weit sein? Gibt es den richtigen Zeitpunkt, um sein Kind zurückzulassen?

Es war alles da, die zarten Finger und so feine Härchen. Er war perfekt. So schmerzhaft dieser Moment auch war, er war rückblickend betrachtet, einer der wertvollsten Momente in meinem Leben. Angelika M

Bereits vor diesem Ereignis wusste ich, dass es ein Angebot für professionelle Fotoaufnahmen gibt und bat sogleich darum, den Verein VergissMichNicht – Sternenkinder Fotografie zu verständigen. Am frühen Morgen kontaktierte die Hebamme den Verein. Keine Stunde später klopfte es auch schon an der Tür. Sie kam zuerst herein und erkundigte sich, ob es in Ordnung wäre, wenn der Fotograf nun eintritt. Das war es natürlich, wir erwarteten ihn bereits und waren froh, dass er da war. Dann kam er herein und begrüßte – zu unserer Überraschung – als erstes Luis. Er sprach ihn direkt mit Namen an. Wir empfanden diese Geste als äußerst respektvoll und wussten sofort, dass wir in guten Händen waren. Als nächstes stellte sich Ingo Peter uns vor und besprach mit uns den Ablauf. Die Hebamme brachte uns noch ein paar Blumen. Ingo hat seine Ideen eingebracht und auch uns nach unseren Vorstellungen gefragt. Er hat alles super umgesetzt und die Zeit verging wie im Flug. Nach schätzungsweise 10 Minuten, war auch schon alles vorbei.

Monate später habe ich Ingo zufällig wieder getroffen. Wir kamen ins Plaudern. Ich war verblüfft, an welche Details er sich noch alles erinnern konnte, Dinge die ich kaum bewusst wahrgenommen habe. Er verriet mir auch, dass das Fotoshooting eine ganze Stunde dauerte.

Für mich haben Fotos einen sehr großen Stellenwert, ich konnte dank ihnen vieles verarbeiten.

Nach dem Fotoshooting, schickten sie mich duschen. Vermutlich wollten sie sehen, ob ich ausreichend mobil für die Entlassung bin. So übergab ich Luis seinem Vater. Das war das erste Mal, dass Stefan seinen Sohn in den eigenen Händen hielt. Ich ging duschen und habe mir bewusst viel Zeit damit gelassen. Ich wollte Stefan Zeit allein mit seinem Sohn geben. Das war für ihn glaube ich sehr wichtig.

Irgendwann kam der Punkt – es dürfte um früher Nachmittag gewesen sein – an dem Stefan sagte, dass er nach Hause möchte. Er ertrage die Krankenhausatmosphäre nicht mehr. Ich musste einfach nochmal 2-3 Fotos mit meinem eigenen Handy machen und Luis noch ein letztes Mal halten. Dann haben wir geklingelt.

Nachdem wir alles zusammengepackt hatten, nahm sie den Kleinen zu sich, er lag in einem Körbchen. Sie begleitete uns zusammen mit Luis bis zur Schiebetür. Langsam gingen wir hindurch. Es war nicht leicht, doch wir setzten einfach einen Schritt nach dem anderen. Wir blickten zwischendurch zurück. Sie blieb mit Luis solange stehen, bis wir außer Sichtweite waren. Jeder Schritt nach draußen, war einer der grausamsten Sekunden die es gab, mit jedem Schritt entfernten wir uns körperlich mehr von unserem Luis. Auch wenn wir Hand in Hand das Krankenhaus verlassen haben, fühlte sich der Weg verdammt einsam an.

Für mich haben Fotos einen sehr großen Stellenwert, ich konnte dank ihnen vieles verarbeiten. Angelika M

Es ist mir ein großer Trost zu wissen, dass er nicht leiden musste und von allen mit viel Mitgefühl behandelt wurde. Das gesamte Personal war unglaublich respektvoll und fürsorglich. Sie haben uns nicht etwa das Beileid gewünscht, sondern uns gratuliert. Das machte uns trotz der Situation stolz und dankbar. Wir wurden als Eltern gesehen, was wir auch sind. Der einzige Unterschied ist nur, dass wir nie mehr die Möglichkeit haben, unseren Luis in den Arm nehmen.

Die Fotos, die ich selbst gemacht habe, sind übrigens heute meine Lieblingsbilder. Nicht etwa weil die anderen schlechter sind, sondern weil sie von mir sind. Sie sind etwas ganz besonderes für mich. Ich kann nur jedem raten: Traut euch abzudrücken!

Für uns war von Anfang an klar, dass Luis beim Friedhof des Rankweiler Landeskrankenhauses bestattet werden sollte, da dort bereits sein kleiner Bruder Kijano (verstorben in der 9. SSW) begraben wurde. Der Gedanke, dass Kijano nun nicht mehr alleine war, tröstete mich. Der einzige Wermutstropfen an dem Gemeinschaftsbegräbnis war, dass so viel Zeit zwischen Luis` Todestag und der Beerdigung lag. Da diese Verabschiedungen nur 2x im Jahr stattfinden (April und Oktober), mussten wir fast ein halbes Jahr auf den nächsten Termin warten. Diesen Zeitraum empfand ich als zu lange.

So kam es, dass ich im Dezember zu einer Beerdigung gegangen bin. Die Mama meines Göte`s ist verstorben. Doch so sehr ich mich bemühte, ich konnte in dem Moment nicht dieser Frau gedenken. Gedanklich war ich auf der Beerdigung meines Sohnes Luis. Diese Beerdigung war das erste Mal seit Luis`s Tod, dass ich meine Wohnung aus eigener Kraft und auf eigenen Wunsch verlassen habe. Die erste Zeit nach dem Krankenhaus war sehr hart und es gibt immer noch Zeiten die es sehr schwer und mühsam sind.

Bei zu früh verstorbenen Kindern gibt es keine Karenz. Zwar bekommt man problemlos Krankenstand verschrieben, aber dennoch ist da dieser innere Druck, wieder arbeiten gehen zu müssen. Andererseits war es vielleicht auch wichtig, dass ich wieder rauskomme.

Anfang Jänner ging ich wieder zur Arbeit. Es fühlte sich merkwürdig an, ich wollte eigentlich nicht da sein. Ich hatte andere Pläne. Ich sollte zu diesem Zeitpunkt (dank Resturlaub) gerade meine beginnende Karenz genießen, stattdessen stand ich hier und wusste nicht recht, was ich sagen und wie ich mich verhalten sollte. Meinen KollegInnen ging es nicht anders. An dieser Stelle möchte ich sagen, dass es für mich kein richtig und falsch gab. Es ist in Ordnung keine Worte zu finden und es ist auch ok direkt nachzufragen. Einzig mit falscher Freundlichkeit konnte ich nicht umgehen. Ehrlichkeit ist bei so einem Verlust ganz wichtig. Wer fragt „wie geht es dir“ sollte auch die Antwort verkraften können. Irgendwann hat sich trotzdem wieder ein gewisser Alltag eingeschlichen, auch wenn er nicht mit dem davor verglichen werden konnte und auch nie mehr so sein wird.

Was ich befremdlich empfand, waren die monatlichen Teamsitzungen, bei denen man nach den Befindlichkeiten gefragt wird. Was eigentlich den Anwesenden Erleichterung, Verständnis und Zusammenhalt bringen sollte, brachte mich in eine unangenehme Situation. Ich wollte nicht ständig sagen, dass es mir schlecht ging, auch wenn das nach wie vor der Fall war. Ich wollte aber auch nicht lügen. Immer wenn ich es tat, log ich mich nur selbst an und das war kaum auszuhalten. Auch fiel es mir unglaublich schwer, wenn andere Eltern darüber jammerten, dass ihr Kind so viel schreit. Wie sehr hätte ich mir gewünscht, meinen Sohn schreien zu hören. Glaubt mir eines: Meine Nächte waren ebenfalls kurz und schlaflos, aber nicht weil Kind mich wach hielt oder weinte, sondern weil ich weinte, ihn vermisste und mein Leben sinnlos erschien.

Das gesamte Personal war unglaublich respektvoll und fürsorglich. Sie haben uns nicht etwa das Beileid gewünscht, sondern uns gratuliert. Das machte uns trotz der Situation stolz und dankbar. Angelika M

Im April fand dann endlich die lang ersehnte Beerdigung statt. Das Gemeinschaftsbegräbnis war total „schön“ aufgezogen. Es gab einen Trauerredner für die christlichen Kinder und einen Imam für die muslimischen. Es gab Frauen, die Instrumente gespielt und Lieder gesungen haben. Zusammen mit meiner Freundin, Stefans Eltern, meinem Bruder und Schwägerin, verabschiedeten wir uns von Luis.

Das erste Jahr lebte ich wie unter einer Art Glasglocke. Während ich sonst ein positiver, motivierter Mensch bin, der gerne Kurse besucht und neues lernt, hatte ich nun keine Lust etwas Neues anzufangen. Ich wollte einfach nicht, war antriebslos, funktionierte nur. Während einem geselligen Abend mit Freunden, fühlte ich mich völlig Fehl am Platz. Ihre Gesprächsthemen waren für mich so sinnlos und unwichtig.

Irgendwann erhielt ich die Ergebnisse der Untersuchungen. Diese ergaben eine vorzeitige Plazentaablösung aufgrund einer unbemerkten Infektion. Das Schicksal ist manchmal grausam. Stefan konnte besser damit umgehen, er ging auch schneller arbeiten. Es gab und gibt noch immer Momente, an denen ich merke, dass es auch bei ihm hochkommt. Luis ist auch für ihn nicht „weg“, sondern immer wieder Thema. Er hat die Situation dennoch schneller akzeptiert.

In meinem Umfeld habe ich positive wie auch negative Erfahrungen gemacht. Viele Menschen haben mir Mut zugesprochen, viele haben wirklich Mitgefühl gezeigt. Es gab sogar ein paar Menschen, die für mich da waren, von denen ich es am wenigsten erwartet hätte. Insbesondere ein älterer Mann, mit dem ich nur am Rande beruflich zu tun habe, überraschte mich mit seinem ehrlichen Interesse. Leider bin ich auch von jemanden, der mir sehr wichtig war, enttäuscht worden. Eine langjährige Freundschaft ist zerbrochen und viele Menschen behandeln mich anders.

Es dauerte seine Zeit.. doch langsam merke ich, wie meine Energie und Lebensfreude zurückkehrt. Wir haben neue Pläne, wir wollen im Sommer heiraten.

Heilsam war auch unser Gotakind. Es kam letztes Jahr auf die Welt. Das Amt hat uns eine neue Aufgabe gegeben. Während ich die erste Zeit keine kleinen Kinder um mich herum haben konnte, bin ich nun stolze Gota mit Leib und Seele. Das Schicksal ist manchmal grausam, doch ein anderes Mal bringt es uns wieder Liebe und Hoffnung.

Zum Abschluss möchte ich noch gerne ein ganz besonderes Dankeschön an Ingo, Yasmin, die zweite Hebamme und an das gesamten Krankenhaus-Team aussprechen. Danke, dass ihr uns als Eltern behandelt habt, die wir auch sind. Und danke, für den respektvollen Umgang mit unserem kleinen Mann Luis Robert.